Studienreise führt Oberstufen-Klasse der Kaufmännischen Schulen nach Istanbul
In der Türkei gab es Einladung zu Praktikumstellen und viele Gespräche mit Geistlichen
Auf einer neuntägigen Studienreise nach Istanbul lernten Schüler der Klasse 12 FI 01 der Kaufmännischen Schulen Marburg (KSM) Land und Menschen in der Türkei kennen.
Die Klasse der Oberstufe der zweijährigen Berufsfachschule für Informationsverarbeitung mit Schülern aus verschiedenen Nationen lernten so einen der wichtigsten Handelspartner der deutschen Wirtschaft und die Religion in der Türkei besser kennen und verstehen.
Ein Besuch im deutschen Generalkonsulat und bei der deutsch-türkischen Handelskammer ist traditionell ein wichtiger Programmpunkt bei jeder Studienreise der KSM in die Türkei. Dort konnten die wirtschaftlichen Zusammenhänge von kompetenten Gesprächspartnern aus erster Hand erfahren werden. Auf Grund der langjährigen guten Beziehungen der KSM erfolgte diesmal das Angebot, bei Bedarf Praktikumstellen bei Partnerunternehmen in der Türkei zu vermitteln.
Ein Vormittag war dem Besuch der deutschen Schule vorbehalten, einem der besten Gymnasien der Türkei. „Beeindruckend war, wie Schüler der Jahrgangsstufe 10 im Deutschunterricht (Deutsch als Fremdsprache) Goethes Faust I besprachen und wie selbstverständlich sich die muslimischen Schüler mit dem Buch Hiob auskannten und so den Prolog ohne Umschweife zuordnen konnten“ erklärt Hans-Werner Biehn, der zusammen mit den Lehrkräften Monika Körle und Ramona Beykirch die Fahrt leitete und als Pfarrer im Schuldienst an den Kaufmännischen Schulen diese Klasse unterrichtet.
Den religionspädagogischen Schwerpunkt der Studienfahrt bildete eine Reihe von Gesprächen. In der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache konnten die Schüler im Gespräch mit Pfarrer Holger Nollmann erfahren, dass ausländische Geistliche in der Türkei eine absolute Seltenheit sind. Nur wegen der alten deutsch-türkischen Freundschaft, die auf die Schlacht bei den Dardanellen und den persönlichen Einsatz von Kaiser Wilhelm zurückgeht, findet sich seit etwa 125 Jahren eine evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul.
In der religiös bedeutendsten Moschee der Türkei, Sultan Ahmet, führte Müezzin Bünjamin die Schüler in den Islam sunnitischer Prägung ein. Sultan Ahmet zählt zu einem staatlichen Moscheeverband, die Geistlichen dort sind türkische Staatsbeamte, ihre Moscheen werden aus Steuermitteln finanziert. Die Verwurzelung in der Religion und die Bedeutung der Traditionen sind größer als in Deutschland, was auch an der Zahl der Besucher beim Freitagsgebet deutlich wird. Zu einem normalen Freitagsgebet kommen etwa 8.000 Gläubige nach Sultan Ahmet. Die Marburger Schüler konnten an einem Abendgebet teilnehmen und so authentisch den sunnitischen Ritus miterleben. Einigkeit bestand bei einem Gespräch mit den Muslimen in der Bedeutung des Friedens und der Intention der muslimischen und der christlichen Religion, Konflikte ohne Waffengewalt zu lösen.
„Mit am beeindruckten war für unsere Schüler der Besuch in der Zentrale der Cem-Haus-Vereingung (Alewiten)“ erklärt Biehn. Neben einem Gespräch mit Präsident Prof. Dr. Izzettin Dogan, der anschaulich in die religiösen und politischen Vorstellungen einführte, konnten die Schüler an einer Cemfeier, einem Gottesdienst mit Musik und Tanz, bei dem etliche in religiöser Verzückung in Trance fielen, teilnehmen.
Für die Besichtigung der kunsthistorischen Höhepunkte konnte Frau Dr. Canaan Alioglu gewonnen werden, die in Wien und Zürich studiert hat und nicht nur eine ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet osmanischer Geschichte und byzantinisch-osmanischer Kunst ist, sondern es durch ihre Art auch verstand, dass die stummen Zeugen europäischer Geschichte, die sich geballt in Istanbul finden, für die Schüler lebendig wurden.
Die Fahrt war ein wichtiger Beitrag zum interkulturellen Lernen an den Kaufmännischen Schulen Marburg, eine ausführliche Darstellung findet sich bei Xenonet (www.inwent.org/xenonet).
Durch einen Zuschuss der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, die Unterstützung des Vereins für interkulturelle Bildung Marburg und die langjährige Erfahrung des Organisators konnten die Kosten dieser Exkursion in einem Rahmen gehalten werden, den alle 16 Schülerinnen und Schüler tragen konnten. Besonders freute alle Beteiligten der Klassenfahrt, dass auch ihr Mitschüler, der auf einen Elektrorollstuhl und eine Begleitperson angewiesen ist, ebenfalls teilnehmen konnte. Im Bedarfsfall halfen alle mit, um ihn auch in nicht behindertengerecht ausgestatteten Bereichen dabei zu haben.

Die
Klasse 12 FI 01 der Kaufmännischen Schulen Marburg unter der über 1000 Meter
langen Hängebrücke über dem Bosporus

Peter
Born (links) überreicht der Marburger Gruppe unter Leitung von Hans-Werner
Biehn als
Willkommensgeschenk die Festschrift der Deutschen Schule in Istanbul

Unter
anderem wurde von der Gruppe der Kaufmännischen Schulen Marburg auch die
kunsthistorisch
bedeutendste Moschee Istanbuls besucht, erbaut von Sinan, des berühmtesten
Baumeisters
des osmanischen Reiches - Fotos: privat